Henry Moore – sein Leben und sein Werk

Moore, Henry, *30. 7. 1898 in Castleford, Yorkshire, f 31. 8. 1986 in Much Hadham, Hertfordshire; englischer Bildhauer und Grafiker, beeinflusste mit seinem Werk in hohem Maß die Skulptur des 20. Jh. Nach anfänglicher Tätigkeit als Lehrer in Castleford und nach dem Kriegsdienst in Frankreich (1917 und 1918) studierte er 1919-21 am College of Art in Leeds und ab 1921 am Royal College of Art in London, an dem er 1924-32 Bildhauerei unterrichtete. 1925 unternahm er eine Studienreise nach Frankreich und Italien. 1932-39 leitete er die von ihm selbst eingerichtete Abteilung für Skulptur an der Chelsea School of Art in London; danach widmete er sich ausschließlich seiner Kunst. 1940-42 arbeitete er als »offizieller Kriegskünstler«. Seit 1940 lebte er in Much Hadham.

Moore war Mitglied mehrerer Künstlervereinigungen (z.B. ab 1933 der Unit One), Träger vieler akademischer Auszeichnungen und internationaler Kunstpreise, Trustee der Tate Gallery und der National Gallery in London und erhielt hochrangige öffentliche Aufträge aus aller Welt. Seine Skulptur lässt sich in keine Stilrichtung einordnen; Klassifizierungen wie »abstrakt« oder »figurativ« setzte er sein originäres Werk entgegen, das die menschliche Figur in immer neuen, von Volumen, Masse und monumentaler Plastizität bestimmten Formulierungen zum Thema hatte. Die menschliche Gestalt bleibt dabei in der formalen Verformung meist erkennbar. Die vitalen Kräfte der Natur und des Menschen und seine elementaren Empfindungen drückte Moore mit äußerst ökonomischen deskriptiven Mitteln aus. Ein vordergründiger äußerer Realismus lag ihm fern, wobei ein Naturzusammenhang in seinen bei aller Knappheit der Formen immer organischen Skulpturen allerdings stets präsent ist. Wesentlicher als die akademische Ausbildung war für Moores Stilentwicklung das Studium archaischer und außereuropäischer, vor allem präkolumbischer Kunst im Britischen Museum in London, deren ursprüngliche plastische Kraft ihn tief beeindruckte und besonders seine frühen Holz- und Steinskulpturen der zwanziger Jahre prägte. Das erste Beispiel einer Liegenden Figur von 1929 (Hornton-Stein, Leeds, City Art Galleries), dem zahlreiche weitere folgten, ist von einer Maya-Skulptur des Regengottes Chac-Mool inspiriert und zeigt in seiner blockhaften Massigkeit das für Moores Werk bestimmende Prinzip der Materialgerechtigkeit. Aus dieser Zeit stammen auch der erste öffentliche Auftrag, das Relief Westwind an der neuen Untergrundbahn-Verwaltung
London(1929), und die frühesten Formulierungen des Themas Mutter und Kind (Hornton-Stein, 1924-25, Manchester, City Art Gallery).

Henry Moore, Komposition mit Ideen für Skulpturen.
Aquarell und Federzeichnung. Privatsammlung

Neben den genannten Einflüssen war aber auch die Begegnung mit italienischen Künstlern des Mittelalters und der Renaissance (Giotto, Giovanni Pisano, Masaccio, Michelangelo) während der Italienreise von Bedeutung; ebenso wie in Bildern Paul Cezannes entdeckte Moore in ihnen eine innere Affinität zu seinen eigenen, von Monumentalität und plastischer Ausdruckskraft beherrschten Idealen. Dazu trat der Einfluss Pablo Picassos und Constantin Brancusis, in den dreißiger fahren ergänzt durch Anregungen des Surrealismus, Naum Gabos und Ben Nicholsons. Sie manifestierten sich in wachsender Abstraktion der Formen; Moore begann die Skulpturen auszuhöhlen, den Raum miteinzubeziehen und die Dreidimensionalität mehr und mehr zu betonen (Liegende, Stein, 1938, London, Tate Gallery). Manchmal versah er die Objekte mit einem Netz von Schnüren (Vogelkorb, Holz, 1939, Privatsammlung). Während des Zweiten Weltkrieges konzentrierte sich Moore auf das Zeichnen. Seine expressivsten Äußerungen sind die 1940-42 in den Londoner U-Bahn-Schächten entstandenen Shelter-Zeichnungen, die vor Fliegerangriffen schutzsuchende, gequälte Menschen zum Thema haben. Danach entstanden Zeichnungen von Bergarbeitern in Castleford. Außer den vorbereitenden Skizzen für plastische Werke folgten später noch mehrere grafische Serien, z.B. das Elephant-Skull-Album (1969-70) und das Sheep-Album (1972 und 1974).
Nach dem Krieg begann Moore, intensiv in Bronze zu arbeiten; häufiger entstanden nun auch Gruppen wie die Familiengruppe von 1948 – 49 (New York, Museum of Modern Art), daneben weiterhin Werke in Stein wie Madonna und Kind (1948-49, Claydon, Suffolk, St. Peter’s) und die Balustrade am Time-Life-Gebäude in London (1952-55). Auch das Helm-Thema, das er in den dreißiger Jahren entwickelt hatte, griff Moore wieder auf (Helm-Kopf Nr. 2, Blei, 1950, Stuttgart, Neue Staatsgalerie). Die Beschäftigung mit dem Problem der inneren und äußeren Form, der Spannung zwischen Wölbung und Höhlung kulminierte in abstrakten Werken wie Außen-Innen-Liegende Figur (Bronze, 1951, New York, Sammlung Joseph H. Hirshhorn). Hauptwerke der fünfziger Jahre sind König und Königin (Bronze, Antwerpen, Openlucht-Museum), Krieger mit Schild (Bronze, Mannheim, Städtische Kunsthalle), aufrechte totemistische Motive wie das Kreuz von Glenkiln (Bronze, 1955-56) und die Liegende des UNESCO-Hauptquartiers in Paris (römischer Travertin, 1956-58). Die Oberfläche der Skulpturen hat oft eine rauhe, wie mit einem Liniendekor überzogene Struktur. Die Köpfe der meist weiblichen, nur manchmal bekleideten Figuren wurden im Verhältnis zu den monumentalen Massen der Körperformen immer kleiner, manchmal vogelhaft (Bekleidete liegende Figur, Bronze, 1952-53, London, Time-Life-Gebäude; Aufrechte Figur, Ulmenholz, 1956-60, New York, Solomon R. Guggenheim Museum).

Moores Werke erscheinen unabhängig von der tatsächlichen Größe immer monumental; die großformatigen Skulpturen entfalten ihre Wirkung am besten in Korrespondenz mit Architektur, wie die zahlreichen, zuweilen ganz abstrakten und manchmal mehrteiligen Liegefiguren (Liegende Figur, Bronze, 1963-65, New York, Lincoln Art Center), oder aber in der Landschaft, die Moore selbst als Aufstellungsort immer bevorzugte. Gerade die mit Architektur, wie die zahlreichen, zuweilen ganz abstrakten und manchmal mehrteiligen Liegefiguren (Liegende Figur, Bronze, 1963-65, New York, Lincoln Art Center), oder aber in der Landschaft, die Moore selbst als Aufstellungsort immer bevorzugte. Gerade die mit Architektur, wie die zahlreichen, zuweilen ganz abstrakten und manchmal mehrteiligen Liegefiguren (Liegende Figur, Bronze, 1963-65, New York, Lincoln Art Center), oder aber in der Landschaft, die Moore selbst als Aufstellungsort immer bevorzugte. Gerade die Berge und Felsen des heimatlichen Yorkshire boten ihm – neben dem menschlichen Körper, Tieren und Knochen – die wichtigste Inspiration, was sich vor allem in späteren Werken äußert (Großer Torso: Bogen, Bronze, 1962-63, New York, Museum of Modern Art) sowie in den Objekten, die zum Durchgehen einladen (Doppel-Oval, Bronze, 1967, New York, Chase Manhattan Bank), und in den Messerschneiden-Skulpturen (Spiegel: Messerschneide, Bronze, 1977, Washington, National Gallery of Art).

In den Großplastiken des Spätwerks der siebziger und achtziger Jahre blieb Moore seinen einmal formulierten Grundthemen treu; es entstanden die größte hölzerne Liegende Figur (1978) für die 1977 in Much Hadham gegründete Henry Moore Foundation, der Große Bogen: Torso (Marmor, 1980, London, Kensington Gardens) und Liegende Mutter und Kind (Bronze, 1982, New York, Jeffrey H. Loria Collection). Mit seinem vielgestaltigen CEuvre, das sich über sechs Jahrzehnte mit grundlegenden
Problemen und Äußerungen menschlichen Daseins beschäftigte und die unterschiedlichsten Formen und Materialien erprobte, gehört Moore zu den bedeutendsten Bildhauern des 20. Jh.

Henry Moore, König und Königin,1952 – 53. Bronze, 2 m hoch. Antwerpen, Openlucht-Museum voor Beeldhouwkunst Middelheim.

Henry Moore, König und Königin
Moore experimentierte während seines langen Schaffens mit unterschiedlichsten Formen. Diese in fünf Güssen erhaltene Gruppe ist von den rechtwinklig gegeneinander gesezten blattartigen Formen der Oberkörper und Gewänder bestimmt, die dem aufrechten Sitzmotiv der Figuren eine würdige, distanzierende Wirkung verleihen. Während die Köpfe abstrakt sind, derjenige des Königs beispielsweise eine Kombination aus Schädel, Gesicht, Bart und Krone ist, legte Moore größten Wert auie realistische Wiedergabe der Hände und Füße. Der König sitzt relativ entspannt; laut Moore symbolisiert er »eine Mischung von primitivem Königtum und etwas Animalischem, Panhaftem«. Die Königin dagegen strahlt in ihrer strengeren, noch aufrechteren Haltung ganz besonders königliche Würde aus. Die Bronze kann ihre Wirkung am besten in der freien Landschaft entfalten, wo ihre mythische Komponente deutlicher zur Geltung kommt.

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